Selbstlernen

Selbstlernen bezeichnet Lernphasen, in denen Studierende Lernprozesse eigenständig bearbeiten und steuern. Lehrende gestalten dabei die Rahmenbedingungen, Lernziele, Materialien und Aufgaben, begleiten den Lernprozess und schaffen Möglichkeiten zur Rückmeldung und Reflexion.

Zwei Studierende beim Selbstlernen mittels Online Materialien über Laptop oder Tablet

Wann ist Selbstlernen sinnvoll?

Selbstlernen kann einzelne Präsenzveranstaltungen ergänzen, Lehrveranstaltungen flexibilisieren oder als eigenständiges Lernangebot gestaltet werden.

Selbstlernen eignet sich insbesondere, wenn …

  • Studierende eigenverantwortliches Lernen entwickeln sollen.
  • Präsenzzeiten für Diskussion, Anwendung und Vertiefung genutzt werden sollen.
  • Studierende unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten haben.
  • Präsenz nicht oder nur eingeschränkt möglich ist.
  • Grundlagenwissen von Studierenden eigenständig erarbeitet werden soll.
  • Lehrveranstaltungen im Blended-Learning-Format geplant werden

Formen des Selbststudiums

Zur Systematisierung unterschiedlicher Ausprägungen von bspw. didaktischer Strukturierung und lehrendenbezogener Unterstützung unterscheiden Norbert Landwehr und Elisabeth Müller (2006) zwischen freiem, individuellem und begleitetem Selbststudium.

Freies Selbststudium

Lernaktivitäten, die von Studierenden eigeninitiativ und interessengeleitet aufgenommen werden, unabhängig von curricular verankerten Lehrveranstaltungen oder Modulen primär an persönlichen Bildungsinteressen, individuellen Entwicklungszielen orientiert.

Individuelles Selbststudium

Häufig einem konkreten Modul oder einer Lehrveranstaltung zugeordnet und dient der eigenständigen Auseinandersetzung mit den jeweiligen Lerninhalten. Die Lernprozesse sind nicht durch spezifische Lernaufträge, didaktisch strukturierte Lernaktivitäten oder regelmäßige Begleitung durch Lehrende angeleitet. Die Verantwortung für Planung, Durchführung und Steuerung des Lernprozesses liegt weitgehend bei den Studierenden selbst

Begleitetes Selbststudium

Selbstorganisierte Lernprozesse verbunden mit einer didaktischen Rahmung. Studierende bearbeiten eigenständig oder kooperativ vorgegebene Lernaufgaben und verfolgen definierte Lernziele, während die Lehrenden den Lernprozess durch strukturierende Lernangebote unterstützen. Innerhalb dieser Form wird zwischen begleiteter Selbstlernzeit und unbegleiteter Selbstlernzeit unterschieden.
Während bei der begleiteten Selbstlernzeit eine kontinuierliche Kontakt- und Unterstützungsmöglichkeit durch Lehrende besteht, erfolgt die Bearbeitung der Lernaufgaben in der unbegleiteten Selbstlernzeit ohne unmittelbare Interaktion oder Betreuung. Beide Varianten sind jedoch durch eine didaktische Vorstrukturierung der Lernprozesse gekennzeichnet und stellen damit zentrale Elemente studierendenzentrierter Lehr-Lern-Arrangements dar.

Konzeption und Gestaltung

Die Qualitätsziele synchroner und asynchroner Veranstaltungen (also Selbstlerneinheiten) folgen hochschuldidaktisch denselben grundlegenden Qualitätsprinzipien: – insbesondere im Hinblick auf Lernzielorientierung, Aktivierung und Feedback.

Der Unterschied liegt darin, dass:

  • synchrone Lehre stärker prozess- und situationsgesteuert ist
  • asynchrone Lehre stärker design- und strukturgetrieben ist

Beispiel

Beispiel: Selbstlerneinheit „Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten“

Im folgenden finden Sie ein konkretes Beispiel, wie sich eine Lernarchitektur im begleiteten Selbststudium (z. B. in Moodle) systematisch entlang der Dimensionen Lernziele, Orientierung, Aktivierung, Feedback und Lehrmaterialien aufbauen lässt.

1. Lernziel der Einheit festlegen und transparent machen

Ziel: Die Studierenden können eine wissenschaftliche Fragestellung entwickeln, geeignete Literatur recherchieren und grundlegende Qualitätskriterien wissenschaftlicher Texte anwenden.

2. Orientierung (Struktur & Lernweg)

Ziel: Studierende müssen jederzeit wissen, wo sie stehen und was als Nächstes kommt. Daher sollten in jedem Lernabschnitt, die Lernziele, Bearbeitungsdauer sowie notwendigen Schritte angegeben werden.
Beispiel: 1. Problem verstehen, 2. Literatur finden, 3. Fragestellung formulieren, 4. Qualität prüfen
Funktion: Reduktion von Komplexität + Selbststeuerung ermöglichen

3. Aktivierung (Lernhandeln statt Konsum):

Ziel: Lernende setzen sich aktiv mit Inhalten auseinander.
Hier bietet es sich an unterschiedliche Aktivierungsgsformen zu kombinieren.
Beispiel:
1. Video „Was ist eine wissenschaftliche Fragestellung?“
2. direkt gefolgt von: Aktivierungsaufgabe: Formuliere drei mögliche Fragestellungen zu deinem Studienfach.
3. Mini-Rechercheaufgabe: Finde zwei wissenschaftliche Quellen zu deinem Thema und begründe deine Auswahl.
4. Sortieraufgabe (H5P): „wissenschaftlich / nicht wissenschaftlich“
5. Forum: Posten und vergleichen von Fragestellungen in Peer-Gruppen
Funktion: Verarbeitungstiefe erzeugen (nicht nur Rezeption)

4. Feedback (Rückmeldung & Selbstkontrolle)

Ziel: Studierende erkennen ihren Lernstand und können korrigieren.
Das Ziel von Feedback in Selbstlernumgebungen besteht darin, den Lernprozess der Studierenden zu steuern, indem sie Rückmeldung über ihren aktuellen Lernstand erhalten und dadurch ihre eigenen Denk- und Arbeitsprozesse gezielt überprüfen, korrigieren und weiterentwickeln können.
Beispiel:
– Selbsttest (Moodle-Quiz): sofortige automatische Rückmeldung; Erklärung falscher Antworten
Beispielhafte Musterlösung: für eine gute wissenschaftliche Fragestellung
Peer-Feedback-Aufgabe: Studierende kommentieren gegenseitig ihre Fragestellungen anhand eines Kriterienrasters
kurzes Lehrenden-Feedbackvideo: „Häufige Fehler bei Forschungsfragen“
Funktion: Lernprozesssteuerung ohne permanente Lehrendenpräsenz

5. Vielfältige Lehrmaterialien (multimodale Wissenszugänge)

Ziel: Ziel ist es, kognitive Zugänge zu erleichtern, unterschiedliche Vorerfahrungen und Lernpräferenzen zu berücksichtigen
Beispiel:
– Skript (kompakt, strukturierend)
– Erklärvideo (Begriffsverständnis)
– Infografik (Ablauf wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung)
– Beispieltext (gute vs. schlechte Forschungsfrage)
– Literaturhinweise (vertiefend); interaktive Elemente (Quiz, H5P, Beispiele)
Funktion: unterschiedliche Lernstile + kognitive Entlastung + Vertiefung

Integration

Wie alles zusammenwirkt (Lernarchitektur)

Die Qualität entsteht nicht durch einzelne Elemente, sondern durch ihre didaktische Verknüpfung: Typische Lernsequenz:

  1. Orientierung: „Was mache ich hier und warum?“
  2. Materialinput (multimodal): Video / Text / Beispiel
  3. Aktivierung: Anwendung der Inhalte in konkreter Aufgabe
  4. Feedback: Selbsttest / Peer / Musterlösung
  5. Transfer: eigene Fragestellung entwickeln

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